Autonomer Garten Hoole · Biel/Bienne
Lange bevor hier Gemüse wuchs, stand auf diesem Grundstück an der Mettstrasse ein Doppelwohnhaus im Chalet-Stil. Im Stadtarchiv Biel haben wir die Bauakte von 1928/29 gefunden — mit Plänen, Briefen und einem handfesten Nachbarschaftsstreit. Diese Seite erzählt, was wir daraus rekonstruieren konnten.
Bauherr war Peter Baumann, Decorateur und Fabrikant in Biel. Gebaut wurde nach Plänen von Friedrich Hirt, Baumeister in Port — ein typisches Bieler Chalet mit geschnitzten Lauben, Fensterläden und Balkonen, wie sie damals im aufstrebenden Lindenquartier entstanden.
Erstes Baugesuch (Nr. 3014) für ein «Doppelwohnhaus (Chalet)» an der Mettstrasse 4 & 6. Zwei Nachbarn erheben sofort Einsprache.
Einvernahme der Parteien vor der Baukommission im Büro des Stadtbaumeisters. Baumann hält an seinem Gesuch fest.
Die Einsprecher ziehen ihre Einsprachen zurück — ein Landkauf zur Sicherung der Aussicht wäre ihnen zu teuer gewesen.
Neuer Streit: Das Bauamt sieht das Gebäude im Weg einer geplanten Strassenverlängerung. Monatelanges Hin und Her zwischen Baudirektion und Regierungsstatthalteramt.
Baumann reicht das Gesuch neu ein (Kontr.-Nr. 3121) — unverändert an seinem ursprünglichen Standort.
«Keine Einsprachen. Bewilligung empfohlen.» Der Gemeinderat genehmigt, der Regierungsstatthalter bewilligt den Bau.
Kaum war das erste Baugesuch publiziert, gingen zwei Einsprachen ein: von F.A. Witschi, SBB-Beamter am Seilerweg 13, und von Frau L.M. Senné-Scheidegger, Seilerweg 15 — beide südliche Nachbarn des Baugrundstücks.
Ihr Argument: Der frühere Landbesitzer, Baumeister Friedrich Hirt aus Port, habe ihnen beim Verkauf ihrer Grundstücke versichert, das Terrain unterhalb — also genau dort, wo Baumann nun bauen wollte — dürfe nie überbaut werden, weil die Stadt dort eine Strasse plane.
«Das geplante Bauobjekt würde bei meiner Besitzung am Seilerweg 13 die schöne Aussicht nach Norden stark beeinträchtigen und den Wert meiner Liegenschaft herabsetzen.» F.A. Witschi, 6. Juli 1928
Baumann selbst wusste von keiner solchen Zusicherung und hielt an seinem Vorhaben fest — zeigte sich an der Verhandlung vom 10. September 1928 aber verhandlungsbereit und böte sein Land sogar zum Kauf an. Witschi versuchte daraufhin, das Land gemeinsam mit seinen Nachbarn zu erwerben, scheiterte aber am Preis. Am 13. September 1928 zog er seine Einsprache zurück, Frau Senné folgte.
Kaum waren die Nachbarn befriedet, meldete sich das städtische Bauamt: Nach dem eingereichten Situationsplan stünde das Gebäude teilweise im Alignement (der vorgesehenen Strassenlinie) der geplanten Verlängerung der Krähenbergstrasse — einem Plan, der aber selbst noch nicht rechtsgültig war. Baumann weigerte sich, sein Projekt zu verschieben, und forderte entweder die Aufhebung des Alignements oder dessen sofortige Umsetzung samt Übernahme seines Landes durch die Gemeinde. «Ich bin mit dem Vorschlag des Stadtbauamtes nicht einverstanden», liess er protokollieren, «ich verlange nun mit aller Dringlichkeit die öffentliche Auflegung des fraglichen Alignementsplanes.» Erst als die Stadt den Alignementsplan des Lindenquartiers im Winter 1928/29 dem Stadtrat zur Genehmigung vorlegte, konnte Baumanns Gesuch unverändert weiterbehandelt und im März 1929 bewilligt werden.
Die erhaltenen Pläne zeigen ein Haus nach damaligem Schweizer Chalet-Geschmack: Keller- und Grundmauern nach dem städtischen Baureglement, die Holzkonstruktion darüber aber nach einem eigenen, patentierten Verfahren des Architekten — mit geschnitzten Dachlauben, Fensterläden, einer umlaufenden Veranda im Erdgeschoss und einem Balkon mit gedrechseltem Geländer im Obergeschoss.
«Fundamente und Kellermauern werden nach den Vorschriften des städt. Bauregelements der Stadt Biel erstellt, wogegen die Holzkonstruktion nach patent. Spezialverfahren des Unterzeichners erstellt wird.» Baubeschreibung, 23. Januar 1929
Zum Gesuch gehörten Pläne für Keller, Erdgeschoss, Obergeschoss und Dachstock sowie alle vier Fassaden — jeweils im Massstab 1:50, handgezeichnet und laviert. Die Grundrisse zeigen die für ein «2 Familien-Chalet» typische Aufteilung: pro Geschoss drei Zimmer, Halle mit Treppe, Küche, Bad und WC.
Die Archivkarte zum Gebäude Mettstrasse 6 (Parzelle 6336) führt die Baugeschichte weiter — bis in die Gegenwart des Gartens:
Quellen: Stadtarchiv Biel, Bauakte BG3121 (Baugesuch Peter Baumann, 1928/29, 24 Seiten) und Archivkarte Mettstrasse Gebäude Nr. 6, Parzelle 6336. Alle Abbildungen auf dieser Seite stammen aus diesen Beständen.
Irgendwann zwischen 1965 und 1975 verschwindet das Chalet von den Luftbildern des Bundesamts für Landestopografie — und ein neuer, grösserer Bau nimmt seinen Platz ein. Warum es abgerissen wurde, ist bis heute nicht geklärt. Die Zeitreise unten zeigt das Grundstück von vor dem Bau bis heute — grün markiert ist jeweils die im Kataster als «Hoole» bezeichnete Fläche (ungefährer Umriss).
1880 und 1915 stammen aus der Siegfriedkarte (keine Luftbilder, sondern vermessene Geländeaufnahmen); 1938 und 1944 zeigen dieselbe Befliegung — für dieses Grundstück liegt dazwischen keine neuere Aufnahme vor.
Quelle: Zeitreise-Luftbilder (LUBIS & SWISSIMAGE, Bundesamt für Landestopografie swisstopo) via map.geo.admin.ch. Bildqualität und Befliegungsjahre variieren von Ort zu Ort; ein genaues Abbruchdatum lässt sich daraus nicht ablesen.
Die Zeitreise reicht so weit zurück wie die verfügbaren Quellen: von der Siegfriedkarte 1880 über 13 dokumentierte Zeitpunkte bis zum Orthofoto 2024 — und auf keiner einzigen Aufnahme steht auf der im amtlichen Kataster als «Hoole» verzeichneten Fläche (Grundstücke Nr. 4856/4858) ein Gebäude. Das 1929 erbaute und zwischen 1965 und 1975 abgerissene Chalet stand auf der direkt angrenzenden, separaten Bauparzelle an der Mettstrasse 6 — nicht auf der Hoole selbst. Seit mindestens 146 Jahren (1880–2026) ist die Hoole damit durchgehend unbebautes Grün- und Gartenland geblieben.
Grundlage: amtlicher Katasterplan (Parzelle «Hoole», Grundstücke Nr. 4856/4858, Stadt Biel) sowie die oben gezeigten 13 Karten- und Luftbildaufnahmen 1880–2024. Der grün eingezeichnete Umriss ist eine Annäherung an die amtlichen Parzellengrenzen, keine vermessungsgenaue Darstellung.
Der amtliche Befund zum Gebäude ist nüchtern: Die Archivkarte des Gebäudes Mettstrasse 6 verzeichnet für den 20. Januar 1969 ein neues Baugesuch (Nr. 13171) für «2 Mehrfamilienhäuser», abgeschlossen am 15. Juli 1969 — vermutlich der Ersatzbau für Baumanns Chalet. Ein Abbruchgesuch oder eine Begründung für den Abriss findet sich in den uns zugänglichen Akten nicht.
In der Nachbarschaft hält sich hartnäckig die Erzählung, das Chalet sei abgebrannt. Weder die Berufsfeuerwehr Biel noch das Stadtarchiv oder das heutige Bauamt konnten uns das bisher bestätigen — in den uns bekannten Akten findet sich kein Hinweis auf einen Brand, keine Feuerwehr- oder Versicherungsmeldung. Legende oder vergessene Tatsache: Wir wissen es nicht.
Fast ebenso offen ist die Frage, welche Strukturen und Pflanzen die Fläche über die Zeit prägten. Alte Gartenmauern und Beeteinfassungen sind bis heute sichtbar, ihre genaue Herkunft und ihr Alter aber nicht dokumentiert. Überliefert ist eine beachtliche Vielfalt an Nutzbäumen — Kirschen, Kirschpflaumen (rote Mirabellen), Zwetschgen und Birnen sollen hier gestanden haben, dazu wilder Meerrettich. Der Autonome Garten Hoole knüpft mit seinem heutigen Gemüse-, Kräuter- und Pflanzenanbau an diese lange Tradition an, ohne dass sich die frühere Bepflanzung lückenlos belegen liesse.
Weisst du mehr — über das Ende des Chalets, über alte Bäume, Mauern oder Beete auf der Hoole? Wir freuen uns über jede Erinnerung, jedes Foto, jeden Aktenfund.
Hinweis geben →Die Geschichte ist eines von mehreren digitalen Werkzeugen rund um den Autonomen Garten Hoole.
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